Hugo hatte nach dem ersten Abend der Templer-Runde ein sehr ausführliches Gedächtnisprotokoll des Abends angefertigt. Dieses möchte ich
unter Hervorhebung von Hugos Verdiensten hier publizieren. Mein Anteil daran beschränkte sich auf eine Korrektur mancher Namen und Orte, bzw. um das Einbringen der notwendigen Angelitischen Glaubenstreue in die Darstellung.
Mater Ecclesia: "Für Kirche und Kustode"
(Teil 1 vom Do.25.03.2004)
dramatis personae:
- Frater Markus v.d Gabrieliten - Monache (Björn)
Steiner v.d. Gabrieliten - Templer (Hugo)
Benedicta v.d. Gabrieliten - Jungtemplerin (Anne)
Tulpe v.d. Gabrieliten - Jungtempler (Curt)
Sim v.d. Gabrieliten - Jungtempler (Manuel)
Frühjahr 2654 im Himmel zu Nürnberg (Montag 12.März):
Die drei Gabrielis-Jung-Templer Sim, Tulpe und Benedicta, sowie der erfahrenere Gabrielis-Templer Steiner erhielten den Auftrag sich um 9:00 Uhr bei Bruder Markus zu melden, der in einem wohlbekannten Unterrichtsraum auf die Templer wartete. Nachdem alle eingetroffen waren, erklärte Bruder Markus den Templern, dass sie den Auftrag haben einen Waffen- und Ausrüstungstransport der Gladier zum Kloster Langwald zu bringen, das im Osten Noricums – der Provinz um den Gabrieliten-Himmel herum – gelegen ist. Das Kloster sei etwa eine Tagesreise mit dem Ochsenfuhrwerk entfernt, liege aber mit seiner östlichen Lage in einem dünn besiedelten Gebiet, da hier die ersten Ausläufer des Mons Terroris beginnen. Da es bereits etwas spät sei (nach 9:00 Uhr morgens) verkündete Bruder Markus, dass man erst am kommenden Morgen aufbrechen werde.
Die Templer gingen sogleich Ausrüstung fassen. In einer tiefen Außenstelle des Armamentariums holten sich die Templer alles an Waffen, was über ihr stets getragenes Langes Schwert hinausging. Insbesondere holte sich Tulpe seine favorisierte Stangenwaffe, einen „Krähenschnabel“ – wo die meisten Templer mit der Hasta als Stangenwaffe zufrieden sind, hatte Tulpe auch in seiner Ausbildungszeit viel Eifer und Energie in das Meistern dieser besonderen Waffe gesteckt, weshalb sie ihn bei seinem ersten Einsatz jenseits der Stadtgrenzen von Nürnberg begleiten sollte. Mit dieser Waffe hatte er am ehesten das Gefühl ganz eins werden zu können. Alle fassten Reiseproviant, wobei sich die drei Jungtempler jeweils eine Tagesration holten - Steiner versorgte sich sicherheitshalber gleich mit fünf Tagesrationen.
Um im Himmel nicht als beschäftigungslos aufzufallen beschlossen Sim und Tulpe, die zwei Jungtempler, sich noch etwas in den Waffen zu üben. Auf dem Plärrer, dem großen freien Platz vor und um den Gabrieliten-Himmel, der traditionsgemäß als Exerzier- und Übungsplatz für die Templer dient, wagten sie ein Duell mit dem Kampfstab, der Grundwaffe für alle Stangenwaffen. Bei den hart disziplinierten Templern auf dem Plärrer löste dies leichte Verwunderung aus, sah dieser Waffengang doch nicht so aus, als ob er auf Befehl erfolgte.
Kaum hatten sich beide in Kampfbereitschaft gestellt, da griff Tulpe auch schon ungestüm mit aller Leidenschaft an, doch konnte Sim mit nur scheinbar verzweifeltem Blocken, Parieren und Ausweichen, sich einen kleinen Vorteil verschaffen: durch seine ungestümen Angriffe gab Tulpe sich eine gefährliche Blöße, die Sim sofort ausnutzte. Mit einem kräftigen horizontalen Hieb, direkt und ansatzlos aus seiner letzten Parade ausgeführt, griff Sim die untere linke Blöße Tulpes an. In letztem Augenblick ahnte Tulpe den Angriff seines Kameraden mehr, als er ihn sah und handelte automatisch, so wie er es für den Ernstkampf gelernt hatte: er lenkte Sims Hieb mit dem einen Ende seines Kampfstabes ab, während er das andere Ende zum tödlichen Stich in Sims Kehlkopf stieß. Doch bei Sim war die Gnade des Erzengels stark. Er sah, daß er getroffen werden würde und sein einziger Gedanke vor dem Treffer war: "Was würde Gabriel jetzt tun?" Dann ohne jeglichen Versuch einer Abwehr – der bei Tulpes meisterlich geführtem Stich ohnehin sinnlos gewesen wäre – schmetterte er seinen Kampfstab von oben über den Stich Tulpes hinweg diesem hart zum Kopfe ein. Die Zeit schien langsamer als normal zu vergehen. Sim erinnerte sich noch an den Merkvers des Ausbilders zu dieser Taktik: „Mit dem Vertrauen in Gott und Gabriel, wird dem Gerechten kein Schaden widerfahren und die Ungerechten werden geläutert werden. Merke: Hau stark in den Angriff mit ein, kein Schaden vor Gott wird Dir sein.“
Sims Hieb traf Tulpe schwer aufs Haupt. Dessen meisterlicher Konterstich traf seinerseits Sim voll am Kehlkopf. Durch den schweren Kopftreffer war Tulpe jedoch nicht mehr eins mit seiner Waffe. Seine Kraft war nicht mehr voll da. So entging Sim einem eingedrückten Kehlkopf, was selbst hier in der Nähe auch von heilenden Engeln Raphaels garantiert seinen Tod bedeutet hätte. Tulpe machte hingegen seinem Namen – wieder einmal – alle Ehre und „blühte auf“ durch eine immense Platzwunde am Kopf. "Gut, daß seine Haare rot gefärbt sind", dachte sich Sim, "da sonst jeder die rote Lache gleich bemerken müßte". Ein Armatura der Templer, der das Entgleisen dieses Übungsgefechts mitverfolgt hatte, griff ein und stellte beide zur Rede. Nach höflichen Ermahnungen die korrekte respektvolle Haltung anzunehmen, wenn man in Gegenwart von Vorgesetzten ist, schickte der Armatura beide zu den Raphaeliten des Templerkomplexes in den Himmel, um sich verarzten zu lassen.
Im Krankenbereich angekommen wurde Tulpe sofort verarztet. Da sein Kopf blutete ward er gewaschen, genäht und verbunden. Eine hilfsbereite Begine der Raphaeliten bemerkte sofort Sims heiseres Krächzen, mit dem er versuchte sein Kehlkopfproblem zu schildern, worauf er den Segen Raphaels und eine Handvoll wundersamer Tabletten gegen Halsschmerzen und Heiserkeit erhielt und das Versprechen, daß er, sollte sich noch ein Schnupfen einstellen, gerne wiederkommen könne.
Benedicta vertriebt sich dieweil etwas die Zeit und ging dann zum Essen in ein Templer-Refektorium. Da sie Vegetarierin ist, begnügte sie sich mit Reis und Gemüse, auch wenn den Templern - anders als den Monachen und Engeln – im Gabrieliten-Himmel auch stets die Nürnberger Spezialität, die Röstbratschweinchen, dargeboten werden.
Steiner erinnerte sich an seine Erfahrungen mit Vorgesetzten an der Ostfront und machte sich daher schon mal selbst über die Reiseroute und die anstehenden Gefahren kundig. In einem Raum mit Karten der näheren Umgebung von Noricum ließ er sich erklären, daß man den Weg abkürzen kann, wenn man den Kanal von Nürnberg benutzt. Beiläufig bekam er dabei mit, dass die Aufgabe einen Gladier- Nachschubtransport zu leiten und zu begleiten eigentlich keine normale Aufgabe für einen so hoch stehenden Monachen wie Bruder Markus sei. Aber wenn der Herr und die Kirche es so will, dann wird das alles schon seine Richtigkeit haben. Trotzdem quälten Steiner diese beiden Fragen:
"Warum wurde gerade Bruder Markus für diese Aufgabe ausgewählt? Und warum sind wir noch nicht schon längst unterwegs?"
Bruder Markus wurde von Bekannten im Himmel höflich daran erinnert, daß der Gladier-Nachschubtransport eigentlich durchaus dringend sei und er daher eigentlich schon seit mindestens zwei Stunden unterwegs sein sollte. Daraufhin eilte Bruder Markus durch den unteren Teil des Himmels und suchte seine Templer.
Die drei Jungtempler hatten sich inzwischen gefunden und waren auf den Gedanken gekommen, daß der Transport trotz des Eindrucks, den Bruder Markus erweckt hatte, vielleicht doch dringender ist, als man vielleicht anfangs annahm, und suchten nun ihrerseits Bruder Markus.
Durch eine glückliche Fügung des Herrn fand Bruder Markus all seine Templer binnen kurzer Zeit und man machte sich daran mit dem Ochsenfuhrwerk aufzubrechen. Dabei kam ihm die Idee, die verlorene Zeit aufzuholen, indem der Transport den Weg über den Kanal nimmt. Dazu schickte er einen Boten zum Kai und forderte eine Fähre an. Hier bewies Bruder Markus, daß er ein geschicktes Händchen hat, beim Aussuchen von Leuten, die seine Aufgaben abarbeiten müssen. Der Monache, den er beauftragt hatte, kam zwar schweißgebadet, aber mit der guten Nachricht zurück, daß er einen Treidel-Kahn gemietet hat.
Auf dem Weg durch die notorisch verstopften Straßen Nürnbergs verschafften die Templer sich und dem Ochsenkarren erst einmal mit den Schäften ihrer Hastas Platz zum Vorankommen. Dabei schlug Benedicta einer Frau dergestalt in die Rippen, daß einige brachen und die Frau schwer verletzt am Straßenrand zusammenbrach. Passanten kümmerten sich um die Verletzte und blickten empört den Templern nach, doch traute sich keiner einen Streit vom Zaume zu brechen.
Nach Verladen des Ochsenkarrens auf dem Treidel-Kahn, der schon einmal bessere Tage gesehen hatte, aber wenigstens der Kahn mit den besten Zugtieren war, brach man auf. Die großen Schleusen im Kanal gaben während der obligatorischen Inspektion durch spezielle Templer-Einheiten Gelegenheit die exquisite Schnitzkunst der Gabrielis-Handwerker an den Schleusentoren schätzen zu lernen. Auf dem weiteren Weg auf dem Kanal gelang es auch tatsächlich die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Da der Kanal jedoch bald einen anderen Wegt nimmt, musste das Ochsenfuhrwerk nach ein paar Stunden Fahrt stromaufwärts wieder an Land gesetzt werden – dennoch hatte sich der Weg über das Wasser gelohnt, da die Verspätung fast eingeholt war.
Es begann heftiger zu regnen. Auf einer sich stetig verschlechternden Straße, mehr einer Art Weg nach Osten war Tulpe besonders aufmerksam. Er bemerkte etwas in der Marschrichtung zur Rechten im Unterholz. Es hörte sich nach Hufgetrappel an. Da allgemein bekannt ist, daß in dieser Region Noricums ab und an Raubgesindel – meist Überreste verderbter Schrottbaron-Söldner – unterwegs ist, ging er auf Anweisung Bruder Markus’ in aller Vorsicht dem Geräusch nach.
Im Gebüsch, kaum aus der Sicht der Straße sah Tulpe einen Reiter im Gehölz. Vorsichtig sich nähernd konnte er zuerst nur seine Umrisse ausmachen. Ein stattlichen Ross, wohl ein Schlachtross. Ein Reiter in schwerer Vollrüstung wie sie auch die Beutereiter tragen. Doch irgendetwas stimmte hier nicht. An der Rüstung fehlten die Ordensinsignien eines Beutereiters. Zudem lag ein leicht moderiger, fast fischiger Geruch in der Luft, der so garnicht hier hin passen wollte. Er faßte seinen Krähenschnabel fester und ging in Richtung des Reiters. Aus nächster Nähe betrachtet, war Tulpe etwas verwirrt. Das war kein Reiter! Mann und Ross waren ein Wesen! Zudem war an der Stelle, wo man den Kopf des Rosses erwartet hätte einfach nichts – Luft. Alle inneren Alarmposaunen schlugen bei Tulpe an, da machte dieses Wesen einen jähen Satz nach vorne und streckte seine – was? – Arme? – , die es vor seiner Brust gehalten hatte, was einem Rüstungsteil, einer Brustplatte nicht unähnlich sah, in einer verrenkten Art nach vorne. Im Strecken gewahrte Tulpe an jedem dieser Arme eine lange Sichelklinge mit geriffelter Schneide. Beide Klingen sausten schnell auf ihn zu. Tulpe war zu fasziniert vom seltsamen Äußeren dieser Kreatur, daß seine Kampfreflexe zu spät ansprangen. Doch er hatte Glück. Seine Füße rutschten im matschigen Boden ungeschickt weg, so daß er auf ein Knie hinunter mußte – genau in dem Augenblick wo beide Sichelklingen durch den Raum pfiffen, wo vor dem Ausrutscher gerade noch sein Oberkörper war.
Gespannt hatte der Rest des Trupps die Erkundung durch Tulpe verfolgt und bekam sofort den Kampfeslärm und die Warnrufe Tulpes mit. Sim eilte seinem Waffenbruder sofort zu Hilfe und zog im Rennen seinen Katar-Dolch. Auch Benedicta zögerte keinen Moment und lief hinzu. Sim und Benedicta entdeckten Tulpe kauernd vor einer grotesken Gestalt, die vage an einen gepanzerten Reiter erinnerte aber ebenso an einen riesenhaften Krebs oder ein ähnliches Gliedertier. Und noch etwas fiel auf – es war nicht das einzige seiner Art.
Ein weiteres dieser Zerrbilder eines Panzerreiters griff mit doppelten Sichelklingen Sim an, während ein anderes aus dem Gebüsch tretend auf Benedicta einhackte. Sim hatte Glück und entging dem ersten Ansturm unverletzt, so daß er sich zu Tulpe hindurchschlagen konnte. Doch Benedicta konnte nur einer der beiden Sichelklingen ausweichen, die andere grub sich trotz eines verzweifelten versuchten Blocks mit dem Schaft ihrer Hasta in ihren linken Arm. Vom Schmerz ließ sich Benedicta jedoch nicht überwältigen, sondern erkannte sofort ihre Chance. Die Kreatur vor ihr hatte statt eines Pferdehinterleibs den zusammengerollten Schwanz eines riesenhaften Krebses. Sie erinnerte sich daran, daß Flußkrebse nicht fliehen können, wenn man ihnen einen Holzstab in die Krümmung ihres Hinterleibs legt. So griff sie beherzt ihre Hasta und schob mit mehr Glück als Können die Hasta dieser Kreatur vor ihr von der rechten Seite hinter den gekrümmten Krebsschwanz. Mit Zug aus ganzer Leibeskraft gelang es Benedicta die Kreatur am sich wenden zu hindern, während diese versuchte ihren starren Oberkörper soweit zu winden, daß wieder die Sichelklingen zum Einsatz kommen konnten.
Tulpe hatte sich indes wieder aufgerappelt, einen soliden Stand erreicht und schmetterte einen wuchtigen Hieb mit seinem Krähenschnabel der Kreatur auf den Leib. Doch trotz der Wucht zeigte das Wesen sich kaum beeindruckt. Zu dick erschien der Panzer aus Chitin-artigem Material. Sim der inzwischen einen guten Blick auf das Wesen vor Tulpe erhaschen konnte, sah sogleich die Schwachstelle in der Panzerung. Jedesmal, wenn das Wesen mit seinen Sichelklingen zuschlug, entblößte es eine Stelle, dort wo normalerweise der Hals des Reiters gewesen wäre, und an dieser Stelle sah der Panzer feingliedriger und beweglicher, also wohl auch dünner aus. Mit dem Mute Gabriels stieß Sim seinen Katar-Dolch tief in die empfindliche Stelle des Wesens. So tief, daß sein Arm bis zum Ellenbogen in die Alptraumkreatur fuhr, die sogleich unter Zuckungen zu verenden begann.
Indes stürmte auch Bruder Markus mit gezücktem Schwert zum Kampfgeschehen, Steiner dicht folgend. Markus lief dabei sogleich der Kreatur in den Weg, die bereits Sim anfangs angegriffen hatte. Er hatte Glück und wurde verfehlt. Steiner versuchte einen Sturmangriff, hatte aber kein Glück und rutschte auf dem regennassen Grund des Dickichts aus.
Sim rief Markus und den anderen zu, wo die Schwachstelle dieser verderbten Dämonen zu finden sei, während er seinen Arm aus dem Kadaver des unnatürlichen Wesens zog.
Benedicta verließen langsam die Kräfte. Wie lange sie mit ihrer Hasta dem Ziehen und Zerren des Dämons noch zu widerstehen vermochte wußte allein Gabriel. - Da zerriss ein lauter Knall die Luft. Das, was bei Benedictas Gegner wie ein Kopf aussah, platzte auf und zerstob formlich in kleinen Brocken Chitin und vielfarbigen Schleims aus dem, was in dieser Kreatur hinter der harten Schale steckte.
Inzwischen gelang es Bruder Markus, mit dem Schwert längst nicht so geübt wie seine Brüder und Schwestern die Templer, allen Angriffen der Kreatur vor ihm zu entgehen und seine lange Einhandklinge tief in den „Hals“ dieses Wesens, das unzweifelhaft ein Traumsaat-Dämon war, zu stoßen. Der Dämon zuckte ein letztes Mal gefährlich in Bruder Markus’ Richtung, verendete aber gleich darauf.
Während Sim seinen rechten Arm vom Schleim der Organe des erlegten Wesens reinigte, schlug Tulpe in heiligem Zorne Gabriels den Dämon vollends mit seiner massiven Waffe kurz und klein.
Steiner rappelte sich wieder auf und besah sich das Schlachtfeld. Sogleich bemerkte er in einiger Entfernung einen Reiter in matt-metallisch schimmernder Rüstung mit einer seltsam aussehenden, kurzen "Muskete" an deren Lauf unten ein Kasten angebracht ist. Sein Blick war an der Ostfront geschult: das sind Ketzerwaffen, wie sie die verderbten Schrottbarone an manche ihrer Truppen herausgaben. Sogleich war die Erinnerung an die Befreiung von Ansbach durch die Kirche vor 10 Jahren wieder da. 10 Scharen der Himmlischen Streiter und mehr als 500 Gabrielis-Templer sowie ein paar tausend Söldner der Kirche. Eine feine Armee! Und was hat es ihnen genutzt? Seine ganze Einheit, alle 10 Hände an Templern – bis auf ihn selbst - ausgelöscht. Einfach weggefegt durch vorsintflutliche Ketzerwaffen. Niedergemäht ohne Ehre, ohne Chance, ohne Sinn. Ja, Ansbach wurde befreit – doch um welchen Preis? Sein Blick verfinsterte sich, als er den verderbten Ketzer-Reiter ansah. Langsam, gefährlich langsam wie ein Raubtier, ging Steiner näher auf den Reiter zu.
In Noricumer Common sprach der Reiter etwas davon, wie gefährlich es doch auf den einsamen Straßen dieser Region sei. Doch Steiner hörte ihn nicht wirklich. Auf fünf Schritt Distanz sprang er vor, riss seine Hasta zu Ehren Gabriels in die Höhe und stürmte mit dem Kampfschrei "Ketzer" auf den Reiter mit der "Muskete" ein. Sein unerwarteter Hieb trug den Segen des Todesengels, da er den Reiter schwer in die Brust traf. Die Rüstung des Reiters – wohl aus Polymer bestehend – wurde durch die Wucht in der Brust gespalten und der Reiter fiel unkontrolliert nach hinten.
Nachdem klar war, daß ihr Traumsaat-Dämon sich nie wieder erheben würde, kam Benedicta aus dem Dickicht. Sie sah wie Steiner auf den Reiter einschlug, als sich mit lautem, mehrfachem Knall eine ganze Garbe an Schüssen aus der seltsamen "Muskete" des Reiters löste und sie einen heftigen Schlag an ihrem linken, bereits von einer Dämonen-Sichelklinge verletzten Arm verspürte. Die Wucht warf sie auf der Stelle herum und sie sackte gegen einen Baumstamm. Da war der Verderber im Spiele, daß etwas derart böse ablief. Doch die Erzengel, allen voran Gabriel, gaben ihr neue Stärke und so sprang sie auf und rannte mit einem wüsten Sturmangriff mit ihrer Hasta den taumelnden Reiter vollends aus dem Sattel.
Durch den Sturz verletzte sich der Reiter schlimmer, als durch die Waffenangriffe, da seine Polymer-Rüstung viel vom Waffeneffekt abfing, jedoch seine Rippen nicht vor einem derart heftig herbeigeführten Sturz vom Pferd bewahren konnte.
Dieweil Sim sich zurück zur Straße bewegte, erkundete Tulpe die Umgebung, aus der die Angreifer kamen. Er entdeckte etwas im Gebüsch ein paar Dutzend Schritte weiter im Dickicht. Es war ein menschlicher Körper und mehr. Auf der Leiche, die offenkundige Bißspuren aufwies, krabbelten und fraßen eine ganze Menge Käfer. Enorme Käfer mit einem Körper, der größer als eine Männerfaust war und ganz eigentümliche Ausformungen auf dem Rückenpanzer besaß. Diese Ausformungen sahen auf den ersten Blick wie das Maßwerk am Himmel und in den Kirchen Nürnbergs aus. Solch eine blasphemische Zeichnung konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Das dachte sich Tulpe und schlug wild und in ungebändigtem Zorne auf die Käfer ein. Er tötete sieben dieser Kreaturen, als er zu seiner Überraschung bemerkte, wie die verbliebenen drei Flügel ausbreiteten und unter höhnisch schnarrendem Fluggeräusch das Weite suchten. Die inzwischen arg zerschlagenen Überreste des Leichnams untersuchend, entdeckte Tulpe an der schwarzen Kutte, daß es sich wohl hierbei um einen toten Gabrielis-Monachen handeln mußte. Mit dieser Erkenntnis machte er sich auf den Weg zur Straße.
Zwischenzeitlich kam auch Sim wieder zur Straße und sah sofort die Situation: Benedicta verletzt und mächtig aus der Schulter und dem linken Arme blutend, Steiner mit zornverzerrtem Gesicht und am Boden ein Ketzer in verderbter Rüstung. Nicht lange zögernd lief er hinüber, um dem vom Pferde gestürzten das Strafgericht Gabriels zu bringen. Doch noch ehe er seinen bewährten Katar-Dolch dem Ketzer in die Kehle für einen schnellen Tod stoßen konnte, rief Bruder Markus ihm Einhalt zu. Sim versuchte sich zu bremsen und glitt auf dem matschigen Untergrund leicht aus, so daß er neben dem Ketzer am Boden zu liegen kam. Sogleich setzte er – sicher ist sicher – diesem die Klinge bedrohlich nahe an den Hals, ohne jedoch sogleich das Strafgericht zu vollstrecken.
Bruder Markus war inzwischen auch wieder bei der Straße angekommen und sah den Ketzer kampfunfähig und unter Kontrolle. Schon glaubend, daß nun die Gelegenheit da wäre, sich ein ruhiges, überlegtes Bild der Lage zu machen, rechnete er nicht mit Tulpe.
Tulpe kam von seiner Entdeckung im Dickicht zurück und sah auf der Straße eine merkwürdige Szene. Bruder Markus stand unschlüssig herum, Steiner und die schwer verwundete Benedicta standen mit ihren Hastas da und hielten einen am Boden liegenden Gepanzerten in Schach, neben dem am Boden Sim kauerte, seinen Dolch an dessen Kehle. Da brannte in Tulpe heiß Gabriels ungezügelte Flamme und seinen Krähenschnabel zum Gericht erhoben, stürmte er vor, um den Ketzer die Gerechtigkeit Gottes spüren zu lassen.
Steiner hatte sich inzwischen wieder unter Kontrolle, sein momentaner Abscheu war nicht so sehr verraucht, sondern eher unter strenger Kontrolle. Da sprang wie von Sinnen Tulpe mit seiner schweren Waffe auf den Ketzer zu. Tulpes Absicht war klar, aber vielleicht konnte der Ketzer noch etwas gestehen, bevor er geläutert würde. Daher schob Steiner den Schaft seiner Hasta vor die Füße Tulpes, so daß dieser strauchelte. Im Straucheln jedoch, stürzte er so unglücklich, daß seine massive Stangenwaffe in tödlichem Bogen auf den am Boden kauernden Sim zu flog. Mit einem schlimmen Geräusch fuhr der Krähenschnabel in Sims Oberschenkel, während Tulpe bäuchlings auf dem schmierigen Weg landete.
Im Zorne blind versuchte Tulpe im Aufstehen seine Waffe um sich herumzuschwingen, wie es für den Kampf gegen übermächtig viele Gegner gelehrt und geübt wurde, doch brachte Gabriels Milde ihn zur Kontrolle seines inneren Feuers und er übte Nachsicht an seinen Brüdern und Schwestern, gegen die er sich beinahe schwer versündigt hätte.
Endlich übernahm Bruder Markus wieder seine Verantwortung für die Truppe. Nachdem er wiederholt auf die Moralität eines guten Gabrielis-Templers gepocht hatte, fügte sich endlich alles seinem Oberbefehl. Steiner versorgte die Wunde von Benedicta – er hatte auf die härteste Weise auf den Schlachfeldern der Ostfront und vor allem vor Ansbach gelernt, wie man solche von Ketzerwerk geschlagenen Wunden vorläufig versorgt, bis sich ein Raphaelit darum kümmern kann.
Bruder Markus fesselte inzwischen den verletzt und bewegungsunfähig am Boden liegenden Ketzer-Reiter und stellte die "Muskete" sicher. Auch die Wunde von Sim wurde versorgt und alle zusammen wuchteten den Gefangenen auf das Ochsenfuhrwerk.
Tulpe berichtete dann, daß er im Gebüsch die Leiche eines Gabrielis-Monachen gefunden habe. Bruder Markus war darauf recht hellhörig und ließ sich zu der betreffenden Stelle hingeleiten. Nach Examination der Leiche wollte er sie zuerst hier in der Wildnis liegenlassen. Nachdem jedoch seine treuen Templer besser wußten, was Recht ist, und ihm entsprechende Vorhaltungen machten, fand er sich bereit die Leiche mitzunehmen - sie wurde ebenfalls auf den Ochsenkarren gelegt.
Sim, durch seine Verletzung am Oberschenkel am Gehen etwas behindert, durfte auf dem Fuhrwerk mitfahren. Das Pferd des Ketzers wurde kurzerhand an das Ochsenfuhrwerk angebunden und mitgenommen.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichte die Truppe mit dem Gladier-Nachschubtransport das Urielis-Kloster "Langwald".
Die Monachen und Templer des Klosters, die die Gabrielis-Truppe freundlich an den Wehrtürmen des Klosters empfingen, zeigten sich außerordentlich begeistert über den Gefangenen. „Ihr habt ja den Ansbacher gefangen!“ sagten sie und meinten damit DEN Ansbacher – den letzten und berüchtigtsten Schrottbaron in dieser Region Noricums. "Möge der Herr seiner verderbten Seele beistehen!"